Beziehungen pflegen: Kritik und Wertschätzung

Sylvia Wetzel, Oktober 2013

Beziehungen sind kostbar, denn wir sind nicht nur Individuen, sondern von Anfang an soziale Wesen. Der Anfang des Lebens ist ein Leben zu zweit, im Bauch der Mutter und in den ersten Jahren. In Beziehungen fühlen wir uns geborgen und geschützt, inspiriert und herausgefordert. Beziehungen sind aber auch die Quelle von Enttäuschungen und Verletzungen, Einschränkungen und Druck. Aber ohne tragfähige und langfristige Beziehungen fühlen wir uns einsam und nicht gesehen. Wir müssen also lernen, Beziehungen zu pflegen, indem wir das Gemeinsame betonen, wir müssen aber auch lernen, unsere Einzigartigkeit zu entdecken  und auszudrücken, und das geht nicht ohne klare Grenzen zu setzen. Vor allem das ist die Quelle vieler Konflikte. Eine psychologische Faustregel besagt, dass wir, um eine schwierige Begegnung zu verdauen, fünf gleichstarke gute Erfahrungen brauchen. Wir brauchen die anderen für beide Erfahrungen: um Geborgenheit und Zugehörigkeit zu erleben und um uns abzugrenzen. Gerade weil wir andere Menschen brauchen wie die Luft zum atmen, sind wir sehr verletzlich und irritierbar. Die große Frage ist, wie wir die für uns und unser Mitmenschen stimmige Balance zwischen tiefer Wertschätzung und notwendiger und sinnvoller Abgrenzung und Kritik finden können?


Wir können uns zunächst einige Fragen stellen: Wie oft habe ich in der letzten Woche meine Wertschätzung für andere ausgedrückt? Wie oft habe ich Wertschätzung erlebt, und wie fühlte sich das an? Habe  ich in der letzten Woche jemanden kritisiert, und falls ja, wie? Wurde ich in der letzten Woche von jemand kritisiert, und falls ja, mit welchen Worten und Gesten, und wie kam das bei mir an? Welche Rolle spielte das Thema Kritik vor zehn Jahren in meinem Leben? Wie gingen meine Eltern und Angehörigen mit Kritik um? Welche Rolle spielte Kritik in meiner Kindheit? Wie oft und auf welche Weise wurden Wertschätzung und Kritik in meiner Familie und im näheren Umfeld  formuliert?


Im Prinzip bieten die buddhistischen Silas der rechten Rede eine guten Rahmen für ein respektvolles Miteinander, gerade bei Konflikten. Der Buddha rät uns, vier Arten des Redens zu vermeiden und stattdessen vier Arten des Redens zu üben: 1. Andere nicht zu belügen sondern nur das zu sagen, von dem wir wissen, dass es wahr ist. 2. Andere nicht zu verleumden, d.h. nicht hinter ihrem Rücken schlecht über sie zu reden, sondern das Gute in ihnen sehen und betonen lernen. 3. Andere nicht durch grobe Worte verletzen, sondern sie zu inspirieren und zu fördern. Statt die eigenen Negativitäten auf sie zu projizieren und sie damit zu verbergen und zu stärken, bemühen wir uns darum, ihre guten Qualitäten zu sehen und zu stärken. 4. Nicht sinnlose und überflüssige Dinge zu reden, sondern aufmerksam zuzuhören und nur Sinnvolles zu sagen. Damit ist nicht gemeint, dass wir anderen mit unerbetenen klugen Predigten und Ratschlägen „totschlagen“. Manchmal ist liebevoller Smalltalk heilsamer als psychologische oder buddhistische Sprüche. Alle ethischen Regeln sind Übungen und keine Vorschriften. Wir bemühen uns um heilsame Rede und nehmen es liebevoll und ehrlich zur Kenntnis, wenn wir andere verletzen. Wenn wir uns an der Ethik des Nichtverletzens orientieren, kann nicht allzu viel schief gehen. Leider scheinen auch in buddhistischen Kreisen harte Worte mit dem Hinweis auf Ehrlichkeit und authentisches Verhalten zum schlechten Umgangston zu werden. Das finde ich sehr schade, da wir mit der Goldenen Regel – Was du nicht willst, dass man dir tu´, das füg´ auch keinem andern zu – und den Silas eine wunderbare und klare Orientierung für ein heilsames Miteinander haben.


Ein respektvolles und höfliches Miteinander ist weder ein überflüssiger Luxus noch ein alter Hut. Wir brauchen das, damit wir selbst und unsere Kinder zu sozial kompetenten und verantwortungsvollen Menschen werden. Wie zu Beginn schon betont, sind wir zuerst und vor allem soziale Wesen. Wenn wir uns als Kinder einigermaßen angenommen und geborgen fühlen, trauen wir uns, auf eigenen Füßen zu stehen und Individuen zu werden, d.h. Menschen, die zu ihren eigenen Erfahrungen und zu ihrem eigenen Blick auf die Welt stehen und fähig und bereit sind, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen und  Verantwortung für die Folgen ihres Handeln zu übernehmen. Ohne tragfähige Beziehungen gibt es keine stabile und zugleich flexible Identität. Wir brauchen also ein gewisses Maß an Geborgenheit, um die Freiheit eines selbstverantwortlichen Lebens zu entdecken. Wenn wir uns eher abgelehnt oder verloren fühlen, neigen wir zu überzogenen Ansprüchen, an uns selbst, aber vor allem an andere, und erleben uns leicht als Opfer schlechter Umstände. Wir sind kaum in der Lage, unseren eigenen Standpunkt zu erkennen und dazu zu stehen und imitieren stattdessen die Wert von anderen und dann leben wir „das Leben der anderen“. Wir brauchen tragfähige Beziehungen zu Menschen, die uns schätzen und die wir schätzen, damit wir den Mut haben, herauszufinden, wie wir leben wollen und können.
Aus dieser Einschätzung ziehe ich folgende Schlüsse: Wir können nur dann konstruktiv Kritik an anderen üben, wenn wir uns mit ihnen verbunden fühlen, d.h. einen gemeinsamen Boden spüren. Anders ausgedrückt, wir können Kritik von anderen und andere  können unsere Kritik gut verkraften, wenn wir genügend positive Erfahrungen miteinander angesammelt haben, dass wir unterschiedliche Standpunkte verkraften können, ohne die ganze Person abzuwehren und abzuwerten. Ethisch reden bedeutet in diesem Kontext mit Herz und Verstand reden. Herz steht für das Gefühl der grundsätzlichen Verbundenheit und Verstand für den klaren Blick auf Stärken und Schwächen, auf das, was klappt und das, was nicht klappt. 


Kritik wird dann nicht destruktiv, wenn wir immer mehr begreifen, dass bei einem Konflikt viele Faktoren mitspielen, die wir nicht alle im Griff haben. Und: Nicht alle Konflikte kann man lösen. Manche Konflikte haben mit unterschiedlichen Mentalitäten, mit kulturellen und individuellen Vorlieben und Abneigungen zu tun. Mein Leben ist sehr viel einfacher geworden, seit ich eingesehen habe, dass ich nicht mit allen Menschen zusammen arbeiten kann und muss. Wenn Konflikte nicht zu groß sind, können wir Auseinandersetzungen als sportliche Herausforderung nehmen, die uns helfen, Vorlieben und Abneigungen zu relativieren. Im Buddhismus nennt man das Reinigung. Bodhisattvas sind die Archetypischen Sozialarbeiter und Mediatorinnen. Sie kennen ihre Vorlieben und Abneigungen und erkennen die der anderen auch. Sie nehmen sie zur Kenntnis, nehmen sie aber nicht allzu ernst, sondern spielen damit. Und manchmal gehen sie Konflikten einfach aus dem Weg, weil sie wissen, man kann nicht alle Vorlieben und Abneigungen sofort auflösen. Man kann sie nur mit Fassung und Höflichkeit ertragen.
Ich finde in diesem Kontext Höflichkeit sehr hilfreich. Ein moderner Zen-Meister soll gesagt haben, dass gleich nach der Erleuchtung Höflichkeit das wichtigste Anliegen des Übungsweges sei. Mir gefällt diese Haltung, denn Höflichkeit erleichtert das Zusammenleben und –arbeiten sehr. und zwar genau in den Situationen, in denen uns Vorlieben und Abneigungen im Griff haben. Der Buddhismus empfiehlt vor allem, die nachteiligen Folgen unheilsamer Rede zu bedenken. Je mehr wir bemerken, wie sehr uns unfreundliche, grobe und rücksichtslose Worte verletzen, desto eher können wir uns in andere einfühlen, die Objekte unserer Unfreundlichkeit und Rücksichtslosigkeit sind.


Freundliche Rede kann aber muss kein Ausdruck von Schwäche oder von Angst vor klaren Worten sein. Sie kann Ausdruck einer tiefen Einsicht sein: dass verletzende Rede emotionale Aufregung bewirkt und diese emotionale Aufregung verhindert einen klaren Blick. Man kann in Anlehnung an medizinische Forschungen sagen: Emotionale Aufregung verlängert die Refraktärzeit, die Zeit, in der wir nicht Neues denken und fühlen können, weil wir an die aktuellen emotionalen Muster gebunden sind. Entspannung und Achtsamkeit verkürzen die Refraktärzeit und dann haben wir mehr Optionen im Verhalten. Wir reagieren nicht bloß mit alten Mustern, sondern können die Komplexität einer Situation abschätzen und ins so verhalten, dass das Beste für alle Beteiligten möglich wird.


Ein paar letzte Überlegung: Wenn wir über andere schimpfen, schimpfen wir eigentlich über uns selbst, denn wir sehen in anderen nur das, was für uns wichtig ist. Ayya Khema meinte in diesem Kontext: Die Welt ist ein Spiegel und kein Fenster. Auch wenn solche Thesen gar nicht mögen, wenn wir etwas falsch finden, gibt es auch die andere Seite: Wenn wir Positives bei anderen erkennen und schätzen, scheinen unsere eigenen Fähigkeiten und Vorzüge auf, denn: Die Welt ist ein Spiegel und kein Fenster. Auch diese Überlegung kann man in den falschen Hals kriegen. Auch sie entsteht in einem bestimmten Kontext und gilt nur in diesem Kontext. Man sagt Frauen nach, sie neigen zum Verschmelzen und können Unterschiede nicht aushalten. Man sagt Männern nach, sie mögen sich nicht einlassen und überbetonen Unterschiede. Wir müssen bei jeder Anregung aus Buddhismus, Philosophie und Psychologie zunächst überlegen, an wen sie sich richtet, d.h. wir müssen fragen, welches Menschenmodell hinter einer Analyse und der dazu passenden Übung oder Verhaltensempfehlung steht. Nach meiner Erfahrung brauchen Frauen eher Mut zur Differenz, Mut, ihren Standpunkt darzulegen und dazu zu stehen. Viele Männer brauchen eher Mut zur Bezogenheit, Mut, das Gemeinsame zu sehen und zu fördern. Mein Fazit: Nur wenn wir das Gemeinsame erkennen, können wir Unterschiede konstruktiv beleuchten. Oder: Unterschiede können dann fruchtbar werden, wenn es Gemeinsamkeiten gibt. Und wir können voneinander lernen, wie man Bezogenheit lebt und Unterschiede zu erkennen und skonstruktiv zu vertreten.

© Sylvia Wetzel. Oktober 2013

Zum Weiterlesen
S. Wetzel, Worte wirken Wunder. 2002. München: Lehmanns Media 2013