Vorwort

Zu: Adelheid Herrmann-Pfandt. Dakinis

Marburg: Indica et Tibetica 2001

Wir begegnen vielen Menschen, mit denen wir anregende Gespräche führen. Manche Begegnungen sind wegweisend. Im Herbst 1987 holte ich Adelheid Herrmann-Pfandt vom Bahnhof im bayrischen Landau ab. Ich hatte einige Monate zuvor ihren kurzen Beitrag über "Frauen und Buddhismus" im "Kreis", der Hauszeitschrift des Arya Maitreya Mandala gelesen. Ihre klar und deutlich formulierte Kritik am Frauenbild des Buddhismus hatte mich überrascht und inspiriert. Ich glaubte mich allein auf weiter Flur mit meinen grundsätzlichen Fragen nach der Rolle der Frauen im Buddhismus. Zumindest in buddhistischen Kreisen. Erst seit kurzem fühlte ich mich in meiner Suche nach einem kritischen Blick auf den Buddhismus unterstützt. Die französische Psychoanalytikerin und Philosophin Luce Irigaray hatte seit den siebziger Jahren den Blick der Männer auf die Welt "mit den Augen einer Frau" präzise nachvollzogen. In ihrem 1983 verfaßten Beitrag "Göttliche Frauen" betont sie die Notwendigkeit eines transzendenten "Horizonts im eigenen Geschlecht", der uns hilft "zu werden." (in: Genealogie der Geschlechter, Kore Verlag 1989). Daß sie sich für ein Weibliches Göttliches aussprach, schien folgerichtig, war sie doch erklärtermaßen Feministin, mit zunehmender Offenheit für spirituelle Dimensionen. Jetzt beschrieb ein Religionswissenschaftlerin und Tibetologin, daß und wie die buddhistischen Überlieferungen aller Traditionen an einem sehr einseitigen und konservativen Frauen- und Männerbild festhalten.

Alle Schulen des Buddhismus betonen, es liege ihnen das Wohl aller Lebewesen am Herzen, doch Schriften und Übungen aller Schulen zeigen eine eindeutige Vorliebe für das männliche Geschlecht. Viele Aussagen über Frauen und das Weibliche in den überlieferten und geschätzten Schriften scheinen nicht gerade geprägt von Weisheit und Liebe, sondern eher von Vorurteilen und Frauenfeindlichkeit. Daß das bei Religionen in patriarchalen Gesellschaften so ist, überrascht kaum noch jemanden. Es wäre auch kein allzu großes Problem, wenn diese Vorurteile heutzutage als solche erkannt und reflektiert würden. Das ist leider nicht so. Auch Forscher und Lehrer aus dem Westen interessieren sich kaum für dieses Thema, geschweige denn Lehrer und Autoren aus Asien. Nach der Lektüre des kurzen Beitrags von Adelheid Herrmann-Pfandt im Jahre 1987 fühlte ich mich plötzlich auf festerem Boden. Aus dem Text sprach eine kluge und mutige Frau, die Fragen stellen und nach eigenen Antworten suchen konnte. Kurzerhand schrieb ich ihr und schlug ein Treffen vor. Zu meiner Freude besuchte sie mich bald darauf in unserem buddhistischen Zentrum in Niederbayern und brachte ihre Magisterarbeit zum Thema Dakinis mit. (Untersuchungen zur Religionsgeschichte und Mythologie der Dakinis im indoeuropäischen Raum, unveröffentlichte phil. Magisterschrift., Univ. Bonn 1983) Seit dieser Zeit nehmen wir Anteil an unseren unterschiedlichen Wegen zur Erforschung von Rolle und Funktion des Weiblichen und der Frauen im Buddhismus und tauschen uns aus über Fragen und Forschungsergebnisse.

Das vorliegende Buch enthält nun ihre Doktorarbeit über Dakinis, die aus der Magisterarbeit entstand. Seit ihrem Erscheinen 1992 ist "Dakinis" eine Quelle der Inspiration für mich. Es ist - immer noch - das deutsche Standardwerk zum Thema Dakinis und weibliche Gottheiten im Buddhismus. Die wissenschaftliche Form des Textes ist für einige interessierte Leserinnen und Leser sicherlich eine Herausforderung. Doch lohnt sich die Mühe, denn das Buch umkreist sorgfältig alle Facetten des kraftvollen Weiblichen in den indischen und tibetischen Traditionen des tantrischen Buddhismus. Der erste Teil beschreibt in zwei Kapiteln das als furchtbar erlebte Weibliche. Zunächst wird das gespaltene Weiblichkeitsbild im alten Indien, einschließlich vorarischer Strömungen vorgestellt. Das zweite Kapitel beschreibt unterschiedlichen Zugänge zu weiblichen Gottheiten in Abhängigkeit von Einstellungen und Wertungen der jeweiligen Übenden in bestimmten Kulturen. Zentrale Aussagen die Klassiker der westlichen Mytheninterpretation - Bachofen, Neumann, Jung - schärfen den analytischen Blick. Daß die mythischen Bilder primär aus einem männlichen Blickwinkel geschaut werden, wird deutlich an den Ängsten und Sehnsüchten, die auf die Göttin projiziert werden. Den recht jungen und neuen patriarchalen Traditionen im Osten wie im Westen muß die Göttin zunächst nur als "furchtbar" erscheinen. Zu nah ist sie noch den von ihr abtrünnig gewordenen Männerbünden, und sie erleben und definieren ihre Männlichkeit in erster Linie in Abgrenzung gegen das mütterlich kraftvolle Weibliche. Es folgt die anschauliche Beschreibung erster Versuche einer Integration des Weiblichen in den männlichen Weg als anziehende und auch furchterregenden Verkörperung der Weisheit der Leerheit, Prajnaparamita. Thema des umfangreichen zweiten Teils mit seinen elf Kapiteln ist die langsame Verwandlung der Dakini von einer furchterregendenm weltlichen hinduistischen Dämonin zur überweltlichen Dakini als Führerin zur inneren Ganzheit. Wen führt sie zur Ganzheit? Alle Lebewesen? Alle Menschen? Die Bilder legen es nahe: es sind in erster Linie die Männer. Immer wieder füllt die Autorin die Leerstellen aus, die schriftliche Überlieferung und heutige Interpration westlicher Forscher kommentarlos (!) hinterlassen, und teilt uns ihre eigenen Überlegungen mit, welche Funktion die Meditation über Dakinis für übende Frauen haben könnte. Denn: In keiner verwendeten Texstelle wird die Rolle männlicher "Daka im Dienste speziell des weiblichen Erlösungsweges auch nur in Ansätzen spürbar" (S.154).

Die kenntnisreichen und klugen Erläuterungen zu unterschiedlichen Facetten der Dakini läßt den großen Reichtum einer produktiven religiösen Phantasie über das Weibliche vor unseren Augen entstehen. Die Autorin erinnert immer wieder daran, und das ist auch nötig, daß es sich bei diesen Beschreibungen nicht um Aussagen über "objektive Tatbestände" handelt. Auch nicht um Fakten einer Innenwelt, die durch meditative Schulung erfahrbar wird, wenn auch die Texte und Übungen das gerne glauben machen wollen. Es handelt sich um "religiöse Männerphantasien über das Weibliche". Die überlieferten Bilder sind Vorstellungen, die sich Männer bestimmter patriarchaler Kulturen über die Frauen machen. Daß das nicht nur Bilder über die wunderbare andere "Hälfte des Himmels" sind, sondern auch grauenerregende und überwältigend verführerische und "höllische" Visionen, leuchtet ein. Wer sein Geschlecht zum "Herrn aller Welten" machen will, dem müssen die, die er aussperrt, in schrecklichen Gestalten erscheinen. Und zugleich auch als Bild seiner tiefsten Sehnsüchte danach, angenommen und geliebt werden. Daß die Begegnung mit den dunklen und schreckerregenden Seiten im eigenen Inneren auch von Frauen als "furchtbar" erlebt wird, ist zu vermuten, und es gibt mythologische Belege dafür. Diesen Begegnungen Form und Gestalt zu geben ist wohl Aufgabe künftiger Yoginis. Auf diesem Weg können die Bilder der Männer sicherlich mit Gewinn einbezogen werden.

Es gibt irdische und himmlische Dakinis, furchtbare und nährende, geheime Gefährtinnen im Außen und im Inneren, Hüterinnen der Lehre und Todesbotinnen, einige Dakinis gelten sogar als Mutter aller Buddhas. Wenn die Welt ein Spiegel ist, und zwar die ganze Welt und nicht nur der Daseinskreislauf der unerwachten Menschen, dann können wir im Spiegel der Dakinis begreifen, wie Männern denken, was sie sich ersehnen und was sie erschreckt. Das kann den Männern auf dem Weg der Selbsterkenntnis helfen. Und es hilft Frauen, sich immer mehr von den Bildern zu befreien, die ihnen auch heute noch übergestülpt werden. Sie können Mut fassen, eigene Erfahrungen ernst und wichtig zu nehmen und eigene Fragen zu stellen.

Es ist das Verdienst der Autorin, daß sich Leserinnen und Leser anhand unterschiedlichster Textauszüge und genauer Beschreibungen ein eigenes Bild der tantrischen Dakinis machen können. Ich wünsche Ihnen den Mut, in Spiegel der Dakinis zu schauen und ein wenig mehr über sich selbst, über eigene Ängste und Sehnsüchte zu erfahren. Nehmen Sie Ihre eigenen Fragen an religiöse Bilder und Traditionen ernst, im Wissen, daß alle Theorien, Mythen und Geschichten über das Weibliche mehr über ihre Verfasser und die Traditionen, die sie überliefern, aussagen, als über die Frauen und das Weibliche.

Ich wünsche diesem Buch viele geduldig, nachdenkliche und inspirierte Leserinnen und Leser.

Jütchendorf im März 2001
am Internationalen Frauentag

Sylvia Wetzel

 

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